Kraft durch Trauern

Trauerarbeit ist keine konkrete "Arbeit" wie Holzhacken. Trauerarbeit ist ein gewaltiges Seelenbeben, das zugelassen werden sollte.

Verluste begleiten unser Leben. Man muss Abschied nehmen von Eltern, Partnern und Freunden, von Ungeborenen, der Heimat oder der Arbeit. Obwohl Verluste unvermeidlich sind, erschüttern sie massiv das Selbst- und Weltverständnis.

In den letzten zwei Jahrzehnten wurde mehr Material zu den Themen „Tod“ und „Trauer“ veröffentlicht als in den 100 Jahren davor. Alle Trauerforscher kamen zu dem Schluss, dass Trauer ein phasenförmiger Prozess ist: Schock - Lähmung - Desorganisation - Akzeptanz - Neuorentierung.
Zumindest in Hinblick auf gesellschaftliche Rituale gilt die Trauerzeit nach einem Jahr als geschlossen. Das Durchleben des gesamten Trauerprozesses heißt nicht ohne Grund „Trauerarbeit“: Sie erfordert Energie, sie schmerzt aber letzten Endes bedeutet sie auch Kraft. Nicht „auszutrauern“ und vor dem Schmerz des Trauerprozesses in Arbeit, Vergnügen, Drogen oder neue Beziehungen zu flüchten, ist lebenshindernd: Verdrängte Trauer blockiert in Zukunft das tiefe Gefühl von Lebendigsein. Gestaute Trauer kann sogar krank machen.

„Wie gelähmt“ zu sein ist ein Selbstschutz-Trauerprozess und ist nicht mit der Stoppuhr zu messen. Er verläuft individuell verschieden, aber verallgemeinernd gilt: Je konfliktfreier eine Beziehung war, desto eher entspricht der Ablauf der Trauerarbeit dem allgemeinen Muster. Wenn ein Mensch einem unabänderlichen Verlust gegenübersteht, reagiert er zuerst mit einem Schock. Unbewusst will man sich das Ausmaß der Kastrophe ersparen. Bei den großen Traueruntersuchungen der Siebzigerjahre empfanden die meisten der befragten Witwer Tränen als unmännlich. Sie versuchten, ihre Gefühlsäußerungen zu kontrollieren. Heute weinen Männer ebenso oft wie Frauen. Die Lähmungsphase wird allgemein als „Leere“ beschrieben: „Man kann keine Gedanken fassen“, „Ich konnte die notwenigsten Sachen nicht machen“. Alle Energie wird darauf verwandt, seelische Vorbereitungen zu treffen, um mit der Situation fertig zu werden. Eine vorübergehende Depression ist auf die augenblickliche Hilflosigkeit zurückzuführen. Um ihr auszuweichen, sucht man aktive Erfahrung, egal ob das nun Wut oder irrationale Hoffnungen sind. Der depressive Verstimmungszustand wird auch körperlich erlebt. Der Trauernde fühlt sich buchstäblich „ausgelöscht“, „gebrochen“, „wie tot“. Die unbewusste Suche nach dem Partner hält an, denn es dreht sich das ganze Denken und Fühlen um den Verlust.

Helene B. War 45 als sie ihren Mann durch einen Verkehrsunfall verlor. „Ich habe immer wieder das Gleiche gefragt: Warum er? Warum jetzt?“, weiß Helene B. noch heute nicht. Schließlich erinnert man sich an die gemeinsamen verbrachte Zeit. „Im letzten Urlaub...“ „Weihnachten vor zwei Jahren...“
In diesem neuen Abschnitt fühlen sich Trauernde auf magische Weise zu den Orten hingezogen, an denen sie mit dem Verstorbenen waren. Echte Trauerarbeit beinhaltet aber auch das Erinnern an negative Eigenschaften und Erlebnisse. „Duchzutrauern“ ist nur mit großer Energie zu schaffen. Doch gerade jetzt bahnt sich bereits die Phase der Akzeptanz an. Viele Trauernde sehen die Welt mit anderen Augen. Musik, Literatur und Natur können plötzlich zutiefst berühren. Vielleicht hat ein neues Thema schon lange darauf gewartet, aus dem Schatten des Unbewussten herauszutreten und in die Persönlichkeit integriert zu werden.
Häufig haben von nun an andere Wünsche und Bedürfnisse mehr Bedeutung. Neue Kräfte entwickeln sich, und ein Konflikt kann nun endlich gelöst werden. Vielleicht verlagert sich die Aufmerksamkeit auf einen anderen Lebensaspekt. Der Schmerz macht reif für Wesentliches. Am Ende einer gelungenen Trauerarbeit kann der Partner als verloren akzeptiert und gleichzeitig verinnerlicht werden. Wenn jetzt eine Frau oder ein Mann sagt: „Ich bin nicht mehr die/der Alte“, entsprechen die Worte der Wahrheit. Der verlorene Mensch ist zwar nicht mehr da, aber er bereichert buchstäblich mit all seinen positiven Eigenschaften denjenigen, in dessen Herzen er symbolisch weiterlebt.........

(Ein Artikel aus der Krone Bunt von Dr.Gerti Senger)




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